BodyART Atempraxis
Breath Herz Lunge

Zwischen erstem und letztem Atemzug ist das Leben.

Über den Rhythmus, in dem wir existieren.

Es gibt zwei Momente im menschlichen Leben, die alles andere einrahmen: den ersten Atemzug und den letzten. Unser Herz schlägt bereits Wochen vor dem ersten Atemzug. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Rhythmen, und was können wir daraus lernen?

Das Herz: Motor des Lebens

Das menschliche Herz beginnt in der vierten oder fünften Schwangerschaftswoche zu schlagen, lange bevor wir das Licht der Welt erblicken. Es besitzt einen eigenen elektrischen Schrittmacher, den Sinusknoten, und schlägt ohne bewussten Befehl. Das vegetative Nervensystem reguliert Rhythmus und Kraft. Stress beschleunigt es. Trauer verlangsamt es. Angst lässt es stolpern. Transplantierte Herzen schlagen in fremden Körpern weiter, ohne Erinnerung, ohne Identität, ohne Verbindung zum neuen Nervensystem. Ein fremdes Organ, das einfach weitermacht.

Das Herz ist der biologische Motor, der „das Fahrzeug Körper" am Laufen hält. Auch als Gebrauchtwagen – der Organspende sei Dank.

Der Atem: trägt das Leben.

Der Atem verhält sich anders. Er beginnt mit dem ersten Atemzug und macht sich im ersten Schrei hörbar. In dem Augenblick, in dem das Neugeborene als eigenes Wesen in die Welt tritt, beginnt das Leben jenseits des Mutterleibs. Die Lungen reifen zuletzt aus — ein Grund, warum „Frühchen" oft Atemwegsprobleme mit auf den Lebensweg bekommen.

Das Wort Atem trägt tiefe kulturelle und sprachliche Wurzeln: Im Lateinischen ist anima gleichzeitig Atem, Seele und Leben – im Hebräischen neschama ebenso. Inspirieren kommt von inspirare: einatmen, einhauchen. Und viele Sprachen kennen die Wendung „er hauchte seinen letzten Atemzug aus" als Synonym für Sterben.

Der Atem ist die einzige Körperfunktion, die gleichzeitig unwillkürlich läuft und willentlich steuerbar ist: Er läuft von allein, aber er lässt sich auch bewusst verlangsamen, anhalten, vertiefen. Für mich ist er die Brücke zwischen dem Außen und dem Innen.

Liegt unser Fokus auf der Welt um uns herum, atmen wir unbewusst. Nehmen wir den Blick nach innen, wird der Atem zur Steuerungseinheit.

Allein wenn wir uns bewusst machen, wie wir atmen, verändert sich sofort der Fokus. Über die Art, wie wir atmen, können wir uns hochregulieren, in die Kraft kommen, oder runterregulieren und in die Ruhe kommen. Weil unsere Atmung und unser vegetatives Nervensystem direkt miteinander verknüpft sind.

Kein Wunder, dass fast alle Kulturen der Erde die Seele mit dem Atem verbinden. Im Hebräischen der Genesis haucht Gott dem Menschen den Lebensatem in die Nase: erst dann wird er zur lebenden Seele. Im Sanskrit kommt Prana von der Wurzel an: atmen. Und Qi im Chinesischen, Ki im Japanischen, beide bezeichnen eine fließende Lebensenergie, die im Atem ihren direktesten Ausdruck findet.

Oftmals denken wir bei Rhythmus an den Herzschlag, doch unser Atemrhythmus ist ebenso wichtig. Häufig zu schnell, zu flach und vernachlässigt. Herz- und Atemrhythmus sind eng miteinander verbunden: Verlängern wir die Ausatmung und reduzieren wir unsere Atemzüge, reagiert auch unser Herzschlag, und kann über den Atem beruhigt und verlangsamt werden.

Der Kreislauf des Atems

Was mit einem Einatmen beginnt, endet mit einem Ausatmen. Das Leben als ein einziger, langer Atemzug — ein Gedanke, der in meditativen Traditionen durchaus wörtlich genommen wird. In Pranayama, der yogischen Atemlehre, ist der Atem nicht nur Lebensenergie, sondern Bewusstseinspraxis: Wer atmet, übt sich im Loslassen.

Der letzte Atemzug schließt diesen Kreis. Er beendet unsere Anwesenheit in der Welt. Der Atem steht still, das Herz hört auf zu schlagen. Der Rhythmus endet.

Wertschätzen, pflegen und feiern wir ihn, solange er uns bewegt.
– Heike Georg
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